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Einleitung
Der Schwerpunkt und die Dauer einer traumatherapeutischen Behandlung
hängen auch von der Art
der Traumatisierung ab.
Bei einem so genannten „Monotrauma“,
also einer
einmaligen überwältigenden Erfahrung z.B. einem
Verkehrsunfall und ansonsten stabilen und unterstützenden
Lebensumständen ist es durchaus möglich, nach einer
kurzen Stabilisierungsphase das Trauma mit speziellen Techniken
durchzuarbeiten, so dass die Therapie in wenigen Wochen oder Monaten
abgeschlossen sein kann.
Bei so genannter „komplexer
Traumatisierung“, d.h.
häufigeren, länger anhaltenden oder biografisch
frühen Gewalterfahrungen ist das Vorgehen anders, da hier
zuerst Stabilität aufgebaut werden muss.
Meist haben die Traumaerfahrungen das Leben und die
Persönlichkeit derartig stark geprägt, dass es vor
allem darum geht, ein neues Selbstbild, verbessertes
Selbstwertgefühl, Selbstfürsorge und Achtsamkeit
für eigenes Erleben und eigene Grenzen aufzubauen.
Nicht selten geht es auch vorrangig darum, sich in Sicherheit zu
bringen, wenn noch Kontakt zu Tätern besteht, oder eine
destruktive Partnerschaft zu beenden. Diese Phase der Stabilisierung
kann Monate oder auch Jahre umfassen.

Stärkung der Ressourcen
Immer geht es in der Traumatherapie zunächst darum, die
Ressourcen zu stärken, um ein Gegengewicht und Gegenbilder zu
den schrecklichen Erfahrungen aufzubauen.
Das Wort Ressource
stammt von dem franz. Wort source (Quelle) und meint
Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kraftquellen, auch Hilfreiches und
positive Bilder.
Erst
wenn der Boden durch genug Ressourcen abgesichert wird, ist es
sinnvoll, sich dem Trauma (-abgrund) noch einmal anzunähern.
Wenn dies zu früh und ohne ausreichende Steuerung geschieht,
dann kann es zu einer sog. „Retraumatisierung“
kommen.
Jedes erneute Durchleben / Erinnern eines Traumas, das wiederum
überwältigende Qualität hat, ist eine
Retraumatisierung, weil die Seele diese Überflutung nicht
integrieren und verarbeiten kann.
Jedes Flashback
vertieft daher das Traumamuster und sollte so rasch wie
möglich beendet werden.
Traumatherapie verläuft üblicherweise in Phasen, die
auf den nächsten Seiten kurz beschrieben werden.

Stabilisierungs-Phase
Dies ist die wichtigste Phase der Traumatherapie, die sich manchmal
auch über Jahre erstrecken kann.
Für einige Betroffene reicht diese Phase auch aus. Sie haben
danach ihre Symptome und die Auswirkungen ihrer
Traumatisierung im
Griff und eine so gute Lebensqualität erreicht, dass sie sich
entscheiden, keine Traumadurcharbeitung mehr zu machen. Eine solche
Entscheidung sollte respektiert werden.
In dieser Phase geht es um den Aufbau einer vertrauensvollen
therapeutischen Beziehung, um die Erarbeitung von Therapiezielen sowie
um eine Bestandsaufnahme der Symptome, aber auch der Ressourcen
und
Kompetenzen der KlientIn.
In der Stabilisierungs-Phase lernen traumatisierte Menschen, auch
mithilfe von Imaginationsübungen
wie z.B.
„Wohlfühlort“ oder
„Tresor-Übung“, Distanz zum Trauma
aufzubauen und hierdurch Überflutungen mit Trauma-Erinnerungen
zu begrenzen.
Das Aufsuchen des Wohlfühl-Ortes
oder Inneren Sicheren
Ortes
kann helfen, Ängste zu bewältigen, sich wieder
sicherer zu fühlen und aufzutanken.
Die Tresor-Übung
ermöglicht es, sich von belastenden
Bildern zu distanzieren, indem diese in einem sicheren und
verschließbaren Behältnis aufbewahrt werden, so dass
sie nicht mehr den Alltag durchkreuzen.
Zu einem späteren Zeitpunkt könnten sie dann aus dem
Tresor hervorgeholt und gezielt bearbeitet werden.
In der Stabilisierungsphase geht es auch darum, die eigenen Symptome
besser zu verstehen und hiermit konstruktiv umzugehen.
Es wird ein besseres Selbstwertgefühl erarbeitet, die
sozialen Beziehungen werden verbessert und Fähigkeiten weiter
entwickelt, sich abzugrenzen und für sich zu sorgen.
Es geht darum, Gefühle besser zu dosieren und hiermit klar zu
kommen.
Auch wird zum Körper (wieder) mehr Kontakt aufgenommen.
Auch die Arbeit mit dem „Inneren Kind“ ist in
dieser Phase sehr hilfreich.

Exposition / Konfrontation (=Traumadurcharbeitung)
In dieser Phase wird das Trauma mithilfe spezieller erleichternder
Techniken (z.B. EMDR,
Bildschirm-Technik,
TRIMB)
noch einmal genauer
betrachtet und durchgearbeitet.
Wichtig ist hierbei, dass dies kontrolliert und dosiert geschieht,
damit es nicht zu einer Retraumatisierung kommt.
Voraussetzungen
für die Durcharbeitung sind stabile
Lebensumstände, äußere Sicherheit,
ausreichende Selbstfürsorge, die Fähigkeit, sich
selber Trost zu geben und die eigenen Gefühle aushalten und
steuern zu können.

EMDR
®
Die EMDR-Methode (Eye
Movement
Desensitization
Reprocessing)
wurde von
Francine Shapiro in den USA entwickelt. Sie hat sich zur
Traumadurcharbeitung bewährt und daher weltweit recht rasch
verbreitet.
Durch eine wechselnde
Rechts-Links-Stimulation
(= bilaterale Stimulation) werden traumaverarbeitende Prozesse im
Gehirn in Gang gesetzt. Hierfür können
Augenbewegungen („mit den Augen Scheibenwischer-Bewegung
verfolgen“) oder andere Reize eingesetzt werden, z.B. Klopfen
auf Knie oder Oberarme, so genanntes „Tapping“.
EMDR ist möglicherweise vergleichbar mit den Augenbewegungen
während des REM-Schlafs, bei dem Erlebnisse und Erfahrungen
durch „Verträumen“ verarbeitet werden.
Durch die bilaterale Stimulation werden so genannte Trauma-Netzwerke
aktiviert, also die „Dateien unseres
Gehirn-Computers“, die traumatisches Material abgespeichert
haben. Durch EMDR werden diese Erinnerungen re-aktiviert,
durchgearbeitet und integriert.
Hierbei kann es auch zu heftigen
Abreaktionen kommen, d.h. heftigen und
bisweilen überwältigenden emotionalen oder
körperlichen Erfahrungen.
Daher sollte diese Behandlung nur von sehr erfahrenen und
traumatherapeutisch gut ausgebildeten TherapeutInnen
durchgeführt werden, damit es nicht zu Retraumatisierungen
kommt.

Bildschirm-Technik
Bei der Bildschirm-Technik geht es darum, das erlebte Trauma wie einen
alten Film mit großem Abstand noch einmal nach zu erleben und
hierbei die begleitenden Erinnerungen, Gefühle, Gedanken und
Körper-Reaktionen bewusst wahrzunehmen und
„portionsweise“ zu verarbeiten.
Am Ende des Trauma-Filmes wird noch eine sichere Situation
aufgerufen, bei der das Trauma ganz sicher zu Ende gewesen ist.
Damit dies nicht überflutend wird und aushaltbar bleibt, wird
in
der Vorstellung das Geschehen auf eine Leinwand oder einen Bildschirm
projiziert, so dass die Szene mit sehr
viel Abstand betrachtet werden
kann.
Mit Hilfe einer (in der Phantasie vorgestellten) Fernbedienung kann
zudem der Abstand vergrößert werden, z.B. indem der
Bildschirm verkleinert oder der Film mit der Freeze-Taste
angehalten wird.
Auch können Filme und Bilder entschärft werden, z.B.
indem
die Farbe reduziert oder der Ton leiser gestellt wird. Hier sind der
Phantasie keinerlei Grenzen gesetzt.
Es wird während des Betrachtens des Trauma-Filmes nur so viel
an
belastenden Reaktionen zugelassen, wie noch aushaltbar ist. Es soll
nicht zu Überflutungen oder Dissoziationen kommen.
Jeder Durchgang endet damit, dass die sichere Situation am Ende bewusst
wahrgenommen wird.
Wenn nach einem Durchgang noch Reste von der Belastung bleiben, kann
ein weiterer Durchgang durchgeführt werden, bis die Belastung
deutlich nachgelassen hat.

Beobachter-Technik
Diese sehr schonende
Methode wurde von Luise Reddemann entwickelt und
beruht darauf, dass das Traumageschehen von einer Inneren BeobachterIn
bearbeitet wird.
Erlebende
Anteile, z.B. die traumatisierten Inneren Kinder werden an
den „Inneren sicheren Ort“ gebracht und
müssen an der
Konfrontation nicht teilnehmen.
Auch kann auf anderen Sinneskanälen als dem Sehen gearbeitet
werden, so dass Erinnerungen nicht nur in Form von Bildern bearbeitet,
sondern auch Körpererleben oder andere Empfindungen zu Grunde
gelegt werden können.
Während der gesamten Exposition bleibt der Abstand zum Geschehen
erhalten.
Gefühle, Bilder, Gedanken und Körperempfindungen
werden
konsequent aus der beobachtenden Rolle heraus wahrgenommen, die
betroffene Person selber muss nicht in das Erleben hineintauchen, so
dass diese Art der Bearbeitung äußerst schonend und
behutsam
abläuft. Die Kontrolle bleibt jederzeit erhalten.

TRIMB®
zum Kapitel
TRIMB®- Methode

Integration
und Abschluss der Therapie
In dieser Phase wird das Erlebte in die eigene Lebensgeschichte
integriert und abgeschlossen.
Oft ist dann auch Trauern
um Verlorenes oder Ungelebtes wichtig. Auch
die Fähigkeit, sich selber Trost zu geben oder Trost durch
andere Menschen anzunehmen, kommt in dieser Phase zum Tragen.
Oft stellen sich zu dieser Zeit auch Sinnfragen, das
Erlebte wird in
einen neuen Zusammenhang gebracht.
Häufig spielt auch die Auseinandersetzung mit
Spiritualität eine wichtige Rolle.
Schließlich werden neue (Lebens-) Perspektiven entwickelt.
Häufig ist in dieser Phase ein Haltungswechsel: „Vom
Überleben zum Leben“.
Der Begriff „traumatic
growth“ (übersetzt
in etwa traumabedingtes Wachstum) meint, dass durch die
Bewältigung der traumatischen Erfahrung neue Ressourcen und
Fähigkeiten entwickelt und genutzt werden und dass mehr Tiefe,
Reife und Weisheit erlangt werden kann, was das Leben
schließlich bereichert.
Diese beschriebenen Phasen laufen nicht strikt hintereinander ab,
sondern in einem zyklischen
Prozess, d.h. dass Elemente aus
verschiedenen Phasen sich auch abwechseln können.
So wird z.B. nach einer Traumakonfrontation vielleicht wieder
Stabilisierungsarbeit erforderlich.
Die wichtigste Regel ist jedoch, dass keinesfalls zu früh mit
der Traumadurcharbeitung begonnen werden soll, weil dies zu erheblichen
Krisen und Retraumatisierungen führen kann, was dann den
Heilungsprozess deutlich verzögert.

Die
„richtige“ Psychotherapie finden
Suchen Sie sich eine PsychotherapeutIn, die eine spezielle Ausbildung
in Traumatherapie
durchlaufen hat und scheuen Sie sich nicht, danach
bereits im Erstgespräch zu fragen.
In Traumatherapie geschulte TherapeutInnen geben hierzu bereitwillig
Auskunft, da Aufklärung und das Beantworten von Fragen zum
Konzept dazugehören.
Lassen Sie sich Methoden und Techniken, mit denen gearbeitet wird, gut
erklären, wenn Ihnen dies Sicherheit gibt.
Die „Chemie“ sollte stimmen, Sie sollten sich gut
aufgehoben fühlen und Vertrauen fassen können. Ihre
Grenzen und Bedürfnisse sollten respektiert werden.

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