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Einleitung
In den letzten Jahren wurde die erhebliche Bedeutsamkeit von
Traumatisierungen für die Entstehung psychischer Erkrankungen
immer deutlicher herausgearbeitet und auch erforscht.
Hierdurch hat sich die Traumatherapie
rasant weiter entwickelt und ist
heute aus ambulanten und stationären Psychotherapien nicht
mehr wegzudenken.
Bisherige psychotherapeutische Behandlungsansätze wurden
kritisch reflektiert und für traumatisierte KlientInnen neue
Ansätze entwickelt, die die Besonderheiten der posttraumatischen Hirnphysiologie
mit einbeziehen.
Dadurch konnte traumatisierten KlientInnen wesentlich effektiver
geholfen werden.
Ich möchte mit dieser Internet-Information dazu beitragen,
diese Erkenntnisse sowohl Fachleuten als auch Betroffenen
zugänglich zu machen, um die Bewältigung
traumatischer Erfahrungen zu erleichtern.
Definition:
Was ist ein Trauma?
Da der Begriff „Trauma“ en vogue ist und zunehmend
inflationär gebraucht wird, ist es mir wichtig, ihn
sorgfältig zu definieren.
Ein Trauma
ist ein gewaltvolles oder überwältigendes
Ereignis, das die Bewältigungsstrategien eines Menschen
überfordert, so dass dieser Mensch auf besondere Notfall- oder
Überlebensstrategien zurückgreifen muss.
Häufig geht dieses Ereignis mit einer (Lebens-)
Bedrohung einher, kennzeichnend ist ein ausgeprägtes Erleben
von Ohnmacht,
Hilflosigkeit und Auslieferung.
Eine Traumatisierung
ist die Reaktion eines traumatisierten Menschen
auf dieses Ereignis, die individuell sehr unterschiedlich sein kann.
Wie heftig, wie verstört oder wie nachhaltig ein Mensch auf
ein traumatisches Ereignis reagiert, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
• der Art
der Traumatisierung,
• dem Alter der betroffenen
Person
• der Dauer oder
Häufigkeit der Belastung
• der Gefahr einer Wiederholung
• der Reaktion des Umfeldes
• der Lebensumstände
vor und nach dem Ereignis
• der
Regenerationsmöglichkeiten
• der Art der
Unterstützung bei der Bewältigung
• der körperlichen
Folgeschäden durch das Trauma
Welche
Arten von Traumatisierungen gibt es?
Einerseits gibt es Traumata, die durch „höhere
Gewalt“ verursacht werden, wie z.B.
Unfälle,
Naturkatastrophen, Schicksalsschläge oder schwere
Erkrankungen. Sehr viel häufiger sind andererseits so genannte
„man
made“ Traumata, also
überwältigende Erfahrungen, die von Menschen
verursacht wurden wie Angriffe, Überfälle,
sexualisierte und häusliche Gewalt. Hier wird nicht nur das
Leben an sich erschüttert, sondern auch das Vertrauen in
andere Menschen, was den Heilungsprozess deutlich erschweren kann.
Besonders gravierend wirkt sich dies aus, wenn traumatische
Verletzungen in der Kindheit
(über längere Zeit)
durch Bezugspersonen zugefügt werden, da das Kind
naturgemäß von Erwachsenen abhängig ist und
sich daher nicht in Sicherheit bringen oder wirkungsvoll zur Wehr
setzen kann.
Insbesondere bei sexualisierter
Gewalt kommt hinzu, dass Scham- und
Körpergrenzen massiv überschritten werden, meist
besteht zusätzlich ein Redeverbot, was verhindert, sich in
dieser Situation Hilfe zu holen. So kommt es meist auch zur Isolation,
das Erlebte kann nicht bearbeitet und bewältigt werden.
Schließlich gibt es kollektive
Formen der Traumatisierung
z.B. durch Kriege.
Auch Verfolgung aufgrund einer ethnischen oder
religiösen Zugehörigkeit, aufgrund sexueller
Orientierung oder politischen Engagements kann hierzu gezählt
werden. Diese Form von Gewalt geht häufig mit
zerstörerischer struktureller Gewalt und gravierenden
Spaltungen in einem ganzen Gesellschaftssystem einher, auch kann es zu
Folterungen, also gezielt eingesetztem Sadismus, kommen.
Wie
wirken sich Traumatisierungen aus?
Ein Trauma ist dadurch gekennzeichnet, dass es überwältigend
ist, d.h. nicht mit den
üblichen Strategien handhabbar gemacht werden kann.
Seele und Körper können der Situation nicht entgehen,
weder Flucht noch Kampf (flight or fight) sind möglich. Die
Seele greift dann zu einer Notfall-Reaktion, indem sie „dissoziiert“
(Dissoziation=Abspaltung).
Dies ist eine Art Flucht nach innen, um das Erleben auszublenden, sich
vor Schmerz und Ohnmacht zu schützen. Ein Mechanismus, der
hilft nichts mehr zu fühlen, sondern Unerträgliches
abzuspalten, vielleicht sogar ganz zu vergessen. Dies entspricht dem Totstell-Reflex im
Tierreich, wenn ein Tier sich massiv bedroht
fühlt.
Verarbeitung im Gehirn
Im
Gehirn werden traumatische Erfahrungen in einem eigens
hierfür vorgesehenen Gedächtnisspeicher
aufbewahrt,
der sich vom Alltagsgedächtnis unterscheidet.
Durch Auslösereize, z.B. ein Geräusch, ein Geruch,
ein Bild o.ä. kann das Trauma-Gedächtnis aktiviert
werden, so dass plötzlich Erinnerungsblitze in das
Alltags-Erleben „einschießen“.
Diese werden auch als „Flashbacks“
bezeichnet und
führen dazu, sich von Trauma-Erinnerungen überflutet
zu fühlen. Oft ist eine Unterscheidung zwischen
Trauma-Erinnerung und realer Situation kaum noch möglich, es
kommt zu einem Hier-und-Jetzt-Erleben.
Weitere Symptome
Traumatisierte
Menschen haben häufig Ängste, die mit
der erlebten Gewalt in Zusammenhang stehen oder sich hiervon bereits
abgekoppelt und verselbständigt haben.
Auch kann es zu einem ausgeprägten Vermeidungsverhalten
kommen, um nicht mit Erinnerungen oder Ängsten konfrontiert zu
werden.
Schlafstörungen, deutlich erhöhte Wachsamkeit und
Schreckhaftigkeit, Überregbarkeit, Reizbarkeit,
Stimmungsschwankungen, verminderte Belastbarkeit und
Erschöpfung sind weitere häufige Symptome.
Es kann zu Depressionen und sozialem Rückzug kommen sowie dem
Gefühl, mit der Alltagsbewältigung
überfordert zu sein.
Auch Suchterkrankungen, Ess-Störungen,
Lebensüberdruss und Suizidalität, Selbstverletzendes
Verhalten oder weitere selbstschädigende Verhaltensweisen
können die Folge sein.
Das Trauma selbst kann körperliche Erkrankungen,
Schäden oder Behinderungen verursacht haben.
Ein unverarbeitetes Trauma kann aber auch eine somatoforme
Störung zur Folge haben. Hierbei handelt es sich um eine
Verschiebung von seelischer Not oder seelischem Schmerz in den
körperlichen Bereich (Soma=Körper).
Auch Körper-Erinnerungen an ein Trauma zeigen sich oft in Form
schmerzhaften Körper-Erlebens.
Welche
Diagnosen werden häufig vergeben?
Direkt nach einem Trauma kann es zu einer akuten Belastungsreaktion
kommen, die über Tage bis zu einigen Wochen anhält
und noch keinen Krankheitswert hat, sondern einer normalen
Verarbeitungsreaktion entspricht.
Halten die Symptome länger an, so kann sich hieraus eine Posttraumatische
Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, die mit
den oben beschriebenen Symptomen einhergeht.
Diese PTBS kann in eine chronische Form übergehen, bei der
sich dann auch deutliche Veränderungen der
Persönlichkeit hinsichtlich Vertrauensfähigkeit in
andere Menschen und in die Welt als solche bemerkbar machen, dann ist
von einer Anhaltenden
Persönlichkeitsveränderung nach
Extrembelastung die Rede.
Insbesondere bei Menschen, die schon früh in ihrer
Lebensgeschichte Gewalt erfahren oder destruktive Beziehungsmuster
erlebt haben, kann es auch zur Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung
kommen.
Hervorzuheben ist hier die Borderline-Persönlichkeitsstörung,
die mit meist
gravierenden selbstschädigenden Verhaltensweisen, schwer
aushaltbaren Spannungszuständen und Schwierigkeiten in der
Beziehungsgestaltung einhergeht.
Wenn der Mechanismus der Dissoziation (Spaltung) ein gewisses
Ausmaß überschreitet und auch die
Alltagsbewältigung beeinträchtigt, dann ist ggf. auch
die Diagnose einer Dissoziativen
Störung gerechtfertigt. Hier
zeigen sich dann häufige „Black-outs“ im
Alltagsgeschehen, Gedächtnisstörungen,
Veränderungen des Selbst-Erlebens wie neben sich stehen, aus
dem Körper gehen, sich „wegbeamen“
(Depersonalisation) oder eine veränderte Wahrnehmung der
Umwelt wie Tunnelblick, sich wie in Watte fühlen,
gedämpft hören, schwarz-weiß-Sehen
(Derealisation).
Die ausgeprägteste Form der Dissoziation ist die Dissoziative
Identitätsstörung (DIS), früher
Multiple
Persönlichkeitsstörung (MPS) genannt. Hier war die
erlebte Gewalt so extrem und so zerstörerisch, dass
die Seele sich in verschiedene Anteile aufgespalten hat, um das zu
überleben.
Aber auch weitere psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen,
Angststörungen können eine Folge von
Traumatisierungen sein, was noch immer häufig
übersehen wird.
Nicht zuletzt kommen auch oft Somatisierungsstörungen vor, bei
denen der Körper als schmerzhaft, gestört oder krank
wahrgenommen wird, ohne dass dem eine organische Ursache zugrunde liegt.

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